| Der Erstling:
Die Neschan-Trilogie entsteht:
Es begann an einem regnerischen Dezembertag im
Jahre 1988. Seit einiger Zeit ging Ralf
Isau die Idee zu einer Geschichte im Kopf herum.
Inzwischen war er Vater einer neunjährigen Tochter und er konnte sich
für die kleine Mirjam kein schöneres Geschenk vorstellen
als ein selbst verfasstes Buch. Richtig dick sollte es sein, ein Schmöker,
den man unter der Bettdecke noch mit der Taschenlampe weiterliest, wenn
die Eltern längst zum Schlafen mahnen. Ein Titel war schnell gefunden:
Die Träume des Jonathan Jabbok.
Ein Drache als Lückenbüßer:
Der Hobby-Schriftsteller hat bald bemerkt, dass
der gesteckte Zeitrahmen viel zu knapp
bemessen war. Die Geschichte schien sich für
ihn zu einer unendlichen auszuwachsen.
Ein Alptraum war das gerade nicht, denn das Schreiben
bereitete ihm großes Vergnügen. Aber als die ersten drei Jahre
des Schaffens sich dem Ende näherten und bestenfalls die Hälfte
des des Romans geschrieben war, kündigte sich ein Dilemma an. Sollte
Mirjam wirklich leer ausgehen? Wie wäre es dann um die väterliche
Glaubwürdigkeit bestellt? Zum Glück wurde der solcherweise in
Nöte geratene Schriftsteller zu diesem Zeitpunkt krank.
Unpässlichkeiten, sobald sie im Abklingen
begriffen sind, lösen bei Ralf Isau bisweilen
kreative Prozesse aus. So auch in diesem Fall.
Das Fieber hatte die Ablagerungen des
Alltagsstresses weggebrannt und am Tage vor der
Rückkehr ins Arbeitsleben fühlte sich
unser Autor auch schon wieder ganz kräftig.
Der Schaffensdrang rührte sich. Immer
noch brauchte er einen literarischen "Rettungsring",
der die Lücke bis zur Fertigstellung
des Mammutwerkes schließen und die
Glaubhaftigkeit des väterlicher Versprechens
bewahren konnte. So setzte er sich morgens an
seinen Computer und begann ein
Märchen zu schreiben. Eine Zeichnung hatte
ihn zu dieser kleinen Geschichte inspiriert.
Auf Mirjams Malblock war eine Landkarte entstanden.
Das Mädchen hatte, wie Kinder
eben so sind, dem Papa nachgeeifert. Beim Schreiben
seines dicken Romans war
nämlich auch so eine Landkarte entstanden,
die der Welt Neschan ein Angesicht geben
sollte. Davon angeregt, schuf Mirjam nun ihr
eigenes kleines Reich, das sie Drahtigistan
nannte. Das Land besaß einen Dachenberg,
einen Drachensee, eine Wüste namens Sahi
und noch einiges mehr, was ein ordentliches Märchenkönigreich
so braucht. Der
Drache Gertrud, Ralf Isaus erste Buchveröffentlichung,
hauchte diese kindliche
Zeichnung Leben ein. Nachdem der Schluss gefunden,
der letzte Punkt gesetzt war,
wurde die Geschichte im Miniaturformat ausgedruckt
und daraus ein winziges Büchlein
gebunden. Hiernach borgte sich Ralf Isau von
seiner Frau einen Lederstiefel. Aus
dessen Schaft schnitt der handwerklich nicht
ganz unbegabte Hobbyliterat ein Fenster
aus und gab der Frau den Stiefel zurück
(den sie aus irgeneinem Grunde bis heute nicht
mehr angezogen hat). Das rechteckige Lederstück
wurde zu einem wertvollen Bucheinband. Und so bekam die inzwischen zwölf
Jahre alte Mirjam doch noch rechtzeitig ihr versprochenes Buch. Der
Vater war gerettet. Endlich konnte er in Ruhe weiterschreiben.
Eine Tellerwäschergeschichte:
Wie kommt man an einen Verlag? Diese Frage stellte
sich Ralf Isau zunächst gar nicht.
Wenigstens nicht ernsthaft. Einige zaghafte Versuche,
seinen Drachen einem Verlagshaus schmackhaft zu machen, hatte er unter
dem Eindruck monotoner Ablehnungsschreiben schnell wieder aufgegeben. Wozu?
Er hatte ja doch nur für Mirjam schreiben wollen und dieser Traum
war Wirklichkeit geworden. Aber dann kam doch alles ganz anders. Und nun
beginnt ein wirklich phantastisches Kapitel seiner Schriftstellerlaufbahn,
eines von jener Art, die gemeinhin als Tellerwäschergeschichte umschrieben
wird.
Im Herbst 1992 hatte sich in Stuttgart ein großer
Schriftstellerkollege angemeldet, um aus seinen Büchern lesen zu lassen
und höchstselbst das Leben eines Erfolgsautors zu porträtieren.
"Schenk ihm doch deinen Drachen Gertrud", sagte Ralf Isaus Ehefrau am Abend
zuvor. Warum nicht?, dachte sich der und verschwand in den Keller. Stunden
später lag ein weiteres Exemplar vom Drachen Gertrud auf dem Tisch.
Es war zwar nur in Pappe eingebunden, aber immerhin hatte sich die Auflagenzahl
des Frühwerkes sprunghaft verdoppelt: auf stattliche zwei! Der bewunderte
Kollege bekam die Paperbackfassung des Drachen. Er bedankte sich lächelnd
und wie ein normaler Mensch, von Starallüren keine Spur. Übrigens
hieß er Michael Ende.
Ralf Isau war beeindruckt.
Einige Wochen später flatterte ein Brief
ins Hause Isau. Er stammte vom Stuttgarter
Thienemann-Verlag. Der Inhalt überraschte
den Jungautor: Herr Isau, uns ist da eine nette Geschichte von Ihnen in
die Hände gefallen, sie handelt von einem Drachen, der ulkigerweise
Gertrud heißt - haben Sie nicht noch mehr? Dem Sinne nach war das
der Inhalt. Unser Hobbyschriftsteller war wie benommen. Ob er "noch mehr"
habe?
Natürlich hatte er das! Seit 1988 schrieb
er ja an seinen Träumen des Jonathan Jabbok. Das unvollendete Werk
wurde flugs ausgedruckt, ein Termin beim Thienemannverlag vereinbart und
nach Prüfung des Manuskriptfragmentes erlitt unser Jungautor einen
Schock. "Wir wollen den Drachen Gertrud als Bildergeschichte herausbringen",
hatte man ihm glaubhaft versichert. "Und Die Träume des Jonathan Jabbok
werden wir anschließend auch drucken." Der benommene Autor beider
Werke merkte warnend an, dass ebenjene Träume bestenfalls erst zur
Hälfte fertig seien. "Oh!", lautete die Antwort. "Nun, ein Jugendbuch
darf nicht zu umfangreich sein. Aber wir
können ja zwei Romane drauß machen."
Noch immer wand sich Ralf Isau. "Eigentlich", begann er zaghaft, "ist die
Geschichte damit immer noch nicht zu Ende. In meinem Kopf räkelt sich
da noch ein Schluss, der mehr als nur ein Kapitel lang ist. Wesentlich
mehr, um ehrlich zu sein."
Es entstand eine Pause. "Na, dann machen wir
eben eine Trilogie draus", sagte dann der Verleger und wäre Ralf Isaus
Nervenkostüm nicht aus einigermaßen strapazierfähigem Material,
dann wäre es nun wohl zerrissen. Als er zu Hause berichtete, man wolle
bei Thienemann vier Bücher von ihm drucken, von denen mit viel gutem
Willen gerade zwei fertig seien, hielt man das Ganze zunächst für
einen Scherz.
Es war keiner. Im Frühjahr 1994 erschien
Der Drache Gertrud und im Jahr darauf der Roman Die Träume des Jonathan
Jabbok. Aus der ursprünglichen Idee des Vaters für seine Tochter
war die Neschan-Trilogie entstanden, die bis heute Tausende begeisterter
Leser aus allen Altersgruppen gefunden hat. Als sich der junge Autor
in einem Brief bei Michael Ende für seine Schützenhilfe bedankte,
antwortete der große Kollege: "Ich freue mich natürlich, daß
Ihr Drache nun fliegt und wünsche Ihrer Trilogie den schönsten
Erfolg. Wie man sieht, gelingt es doch manchmal, jemand die Steigbügel
zu halten." |